Geburt in Deutschland – Was Du unbedingt wissen solltest

Wenn wir über das Thema Geburt sprechen, dann gehört da natürlich auch der Blick aus der Perspektive der Hebammen in Deutschland dazu. Welche Leistungen stehen werdenden und frischgebackenen Müttern zu, wie finde ich eine Hebamme und was hat es eigentlich mit dem Hebammenkreißsaal auf sich? Wir haben das Gespräch mit Andrea Ramsell vom Deutschen Hebammenverband gesucht und uns von Ihr berichten lassen, wie es eigentlich derzeit so um die Geburtshilfe in unserem Land steht und was werdende Mamas unbedingt wissen sollten.

Andrea Ramsell ist Mitglied im Präsidium und Beirätin für den Angestelltenbereich im Deutschen Hebammenverband e. V. (DHV). Der DHV ist der größte Hebammenberufsverband in Deutschland und setzt sich aus 16 Landesverbänden mit über 21.000 Mitgliedern zusammen. Er vertritt die Interessen aller Hebammen. Im DHV sind angestellte und freiberufliche Hebammen, Lehrer*innen für Hebammenwesen, Hebammenwissenschaftler*innen, Hebammen in den Frühen Hilfen, hebammengeleitete Einrichtungen sowie Hebammenschüler*innen und Studierende vertreten.

Wie beurteilst Du die aktuelle Geburtssituation in Deutschlands Kreißsälen?

Die Arbeitsbedingungen haben sich in den letzten Jahren für das gesamte geburtshilfliche Personal (Hebammen und Ärzt*innen) deutlich verschlechtert. Das liegt an deutlich zunehmenden Aufgaben bei gleichbleibendem oder abnehmenden Personalschlüssel.

Das hat natürlich auch auf den Betreuungsschlüssel und auf die Zeit Einfluss, die für jede Gebärende zur Verfügung steht.

 

Worauf müssen schwangere Frauen sich einstellen?

Es ist möglich, dass eine schwangere Frau sich in einer Klinik angemeldet hat und diese Klinik aber zum Zeitpunkt der Geburt keine Frauen mehr betreuen kann, weil die Kapazitäten des Kreißsaals ausgeschöpft sind. Es bietet sich an, im Kreißsaal anzurufen, bevor die Frau in die Klinik losfährt, um sicherzugehen, dass sie in der jeweiligen Klinik aufgenommen werden kann.

 

Welche Forderungen des Hebammenverbandes gibt es in diesem Zusammenhang?

Wir fordern schon seit vielen Jahren verpflichtende Personalbemessungsinstrumente für eine Eins-zu-eins-Betreuung unter der Geburt. Im Koalitionsvertrag der neuen Regierung finden sich hierzu viele Anknüpfungspunkte, die Möglichkeiten für die Umsetzung eröffnen. Außerdem arbeiten wir daran, Hebammenkreißsäle oder hebammengeleitete Geburtsabteilungen als verpflichtendes Angebot besonders in großen Geburtskliniken voranzutreiben. Eine regionale Vernetzung der Kliniken könnte Überlastungen anzeigen und damit eine frauzentrierte Versorgung schneller sicherstellen. Der DHV setzt sich dafür ein, dass Geburtshilfe als besonders lukrativ vergütete Abteilung der Kliniken installiert wird!

 

Wie und wo finden Schwangere am besten eine Hebamme?

Frauen sollten sich bereits zu einem frühen Zeitpunkt in ihrer Schwangerschaft um eine Hebamme kümmern. Erfolgsversprechend sind persönliche Empfehlungen und die Suche über lokale Hebammenverzeichnisse. Der Deutsche Hebammenverband betreibt zudem eine digitale Hebammenvermittlungsplattform mit Namen ammely, die bei der passgenauen Suche hilft.

 

Worauf haben die Frauen in welcher Phase jeweils ein Anrecht?

Theoretisch steht jeder Frau in Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett Hebammenhilfe zu, die von den Krankenkassen übernommen wird. In der Schwangerschaft umfasst dies Geburtsvorbereitung, Hilfe bei Beschwerden und auch Schwangerenvorsorgeuntersuchungen, diese in Kooperation mit ihrer Gynäkologin oder ausschließlich bei der Hebamme. Bei der Geburt in der Klinik gibt es die Möglichkeiten entweder mit Facharztstandard oder hebammengeleitet betreut zu werden. Geburten müssen in Deutschland in Anwesenheit einer Hebamme stattfinden, aber nicht in Anwesenheit einer Ärztin.

Im Wochenbett hat die Frau ein Recht auf Wochenbettbetreuung und Rückbildungsgymnastik, sowie auf Still- und Ernährungsberatung.

Einige Leistungen werden als Privatleistungen angeboten, die teilweise von den Kassen übernommen werden, aber nicht grundsätzlich Kassenleistung ist, z.B. Yoga-Angebote, Babymassage, Hypnobirthing, besondere Massagen oder geburtsvorbereitende Akupunktur.

 

Vorhin hattest Du bereits den Begriff des „Hebammenkreißsaals“ erwähnt. Was steckt dahinter und warum ist Dir der Ausbau so wichtig?

Das Konzept Hebammenkreißsaal bedeutet in erster Linie eine an den Bedürfnissen der Frau orientierte Geburtshilfe, die den minimalen Gebrauch medizinischer Interventionen zum Ziel hat. Im Hebammenkreißsaal arbeiten die Hebammen eigenverantwortlich, d.h. ohne Hinzuziehungspflicht einer Ärztin oder eines Arztes. Alle Schwangeren und Mütter sowie ihre Kinder profitieren davon, dass hier Interventionen immer genau überdacht und der Nutzen überprüft wird. Zielgruppe sind gesunde Gebärende ohne Risiko beziehungsweise mit einer niedrigen Risikoeinstufung.

Es gibt verschiedene Modelle und Varianten. In Deutschland findet man den Hebammenkreißsaal zumeist integriert in den üblichen Ärzt*innen-Hebammen-geleiteten Kreißsaal sein, die Räume werden gemeinsam genutzt.

Oft höre ich das Argument, der Hebammenkreißsaal könne nicht die gleiche Sicherheit für Frau und Kind bieten. Hebammenkreißsäle waren und sind Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Im Vergleich von Hebammenkreißsaal und Ärzt*innen-Hebammen-geleiteten Kreißsaal zeigen Studien interessante Ergebnisse. Es gibt im Hebammenkreißsaal beispielsweise signifikant weniger medizinische Interventionen, zum Beispiel weniger Geburtseinleitungen, eine höhere Rate an Spontangeburten, signifikant weniger Dammrisse u.a.
Außerdem ergaben die Studien, dass Frauen zufriedener mit der Versorgung sind und deutlich länger stillen.

Mir ist das Thema Hebammenkreißsaal eine Herzensangelegenheit, weil er eine echte Alternative für die Frauen, die eine Klinikgeburt wünschen, bietet. Fast 98 Prozent der Frauen wählen die Klinik als Geburtsort. Sie wünschen sich im Falle von Komplikationen, dass sofort adäquate medizinische Versorgung zur Verfügung ist. Aber eben auch nur dann. Sie wünschen sich Zuwendung, Beistand und eine Hebamme, die sich für sie Zeit nimmt.
Ein Ja zum Hebammenkreißsaal bedeutet kein Nein zur Ärzt*in. Die Frauen sind froh und dankbar, dass sie bei Bedarf schnell zur Stelle ist. Deswegen wählen sie dieses Versorgungsmodell: Hebammengeburtshilfe in einer Klinik.

 

Wie können wir als LAUFMAMALAUF-Community und Frauen im Allgemeinen diese wichtige Ausrichtung unterstützen?

Viele Frauen und Familien kennen das Angebot der Hebammenkreißsäle gar nicht und fragen deshalb logischerweise auch nicht danach. Es ist wichtig, das Konzept zu erklären, Informationen dazu bereitzustellen und zu verbreiten, damit das Angebot bekannter wird. Meiner Meinung nach gehört das Konzept Hebammenkreißsaal in jede größere geburtshilfliche Abteilung, denn es unterstützt die freie Wahl des Geburtsortes und den Wunsch vieler Frauen, so interventionsarm wie möglich zu gebären.

 

Wo kann man mehr zu diesem Thema erfahren?

Auf der Website des DHV haben wir viele Informationen, auch zu konkreten Standorten, zusammengestellt. Außerdem empfehle ich unseren Podcast zum Thema. Hier lernt man Hebammen kennen, die im Hebammenkreißsaal arbeiten und erfährt viel über das Konzept und das Angebot. Ich möchte schwangeren Frauen und ihren Männern zum Einstieg vor allem den Podcast von Carola Lienig und Gudrun Zecha ans Herz legen.

 

Wie zufrieden bist Du zum heutigen Tag mit den Entwicklungen in diesem Bereich?

Wir stehen mit der hebammengeleiteten Geburtshilfe erst ganz am Anfang in Deutschland. Es gibt in Deutschland momentan etwas mehr als dreißig Hebammenkreißsäle in den Kliniken. Aber in den letzten zwei Jahren hat sich auf diesem Gebiet viel getan. Es gibt deutlich mehr Förderprogramme für Hebammenkreißsäle und viele Kliniken, die an einer Umsetzung interessiert sind. Die Politik hat erkannt, dass hebammengeleitete Geburtshilfe ein Angebot ist, das jeder Frau zugänglich sein sollte. Im Koalitionsvertrag ist die Förderung ausdrücklich vorgesehen. Ich bin froh, dass das Thema Fahrt aufnimmt, aber es ist kein Selbstläufer. Wir müssen die Frauen und Familien über diese Angebote informieren und sie über diese Möglichkeit zur Wahl ihres Geburtsorts vollumfänglich aufklären.

 

Vielen Dank für das Gespräch, liebe Andrea!

 

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